Zugfahrt nach Hamburg – eine Kurzgeschichte über das Reisen.


Zugfahren gehört nicht zu meinen bevorzugten Fortbewegungsmitteln. Heute ist es so weit. Raus aus der Komfortzone, mal was Neues.
Mit gegenüber sitzt ein junger Mann mit einem Heliumherz-Luftballon. Als er bemerkt, dass ich ihn bemerke, schaut er etwas verstohlen zur Seite. Ein Geschenk seiner Freundin, die ihn nicht begleiten konnte und am Bahnhof zurück geblieben ist.

Drei Reihen weiter finden zwei Streithähne um einen reservierten Platz eine sinnlose Beschäftigung darin, wer die größte Durchsetzungskraft hat. Die Frau mit der Reservierung folgt mit Siegerblick dem zurückgedrängten Fahrgast, der seinen Rucksack schnell umschnallt und mit Kopfschütteln einen Waggon weiterzieht.

Direkt neben mir machen zwei junge Frauen aus dem Abteil ein Wohnzimmer. Schuhe aus, Essen in Tüten über das ganze Abteil verstreut, mehrere Taschen, Beutel und auf dem kleinen Klapptischchen am Fenster Getränkedosen.

Sanft gleitet das Ungetüm über die Schienen. Ich sehe dem Treffen mit meinem lieben Kollegen Thomas Borchert entgegen.Lese Simplify your life.

Die Schaffner sind auch nicht mehr das, was sie früher waren. Dieser hier ist jung, Typ Schwiegermutters Liebling und hantiert virtuos mit der Technik, hier ein Online-Ticket, dort ein E-Ticket auf dem Handy schnell eingescannt, zack fertig.

Der Snack-Express hat mich erschrocken, aus dem Augenwinkel schiebt sich etwas, das wie ein Basar auf Rädern aussieht durch den Gang, dahinter eine Dame in einer unvorteilhaften DB-Kluft, die „ich bin nicht XXL“ zu schreien scheint. Nun gut, der Snack-Express ist so schnell, das ich bei diesem Gedanken für eine Bestellung eh zu spät bin.

Die Ansage des Zugbegleiters zeigt wunderbar das Verständnis der Deutschen für das Wesentliche in der englischen Sprache.

Erst ewig lange Hinweise, wann Ankunftszeit ist, wie viel Verspätung, Anschlusszüge und so weiter. Englische Übersetzung: „Welcome ladies and gentlemen to Hamburg with IC2056“ – kein weiterer Hinweis. Fremde Sprachen können so einfach sein.

Zwischen Bremen und Hamburg nehmen die Business-Leute die Plätze mit Tisch in Beschlag, klappen ihre Laptops, Notebooks auf und nutzen die Zeit, einige haben das Gerät mit dem Handy gekoppelt, um auf gar keinen Fall die Verbindung ins WorldWideWeb zu verlieren.

Es riecht, irgendwer isst immer, der kluge Reisende ernährt sich von Fastfood, das er vom Bahnhofsasiaten mitgebracht hat und nachdem er es sich so richtig bequem gemacht hat, öffnet er die Pappschachteln und stopft sich das triefende Gemüse-Nudel-Allerlei hinein. Hauptsache satt. Sofort durchströmt das gesamte Abteil der fettige Geruch des Nudel-Soja-Gerichtes – gut, dass Natriumglutamat nicht fliegen kann.

Menschen in Zügen sprechen nie miteinander, es sei denn sie reisen zusammen. Da können Fremde drei oder vier Stunden nebeneinander sitzen und kein Wort miteinander wechseln… gut, dass es Smartphones und allerlei anderes Gespiel gibt (wie haben wir uns eigentlich vor dieser Zeit ignoriert?), so dass wir gemeinsam allein unsere Fahrt fortsetzen können.